20. Juli 2026

Wer an das Ionische Meer denkt, hat meistens spiegelglattes, türkisblaues Wasser und sanfte Sommerbrisen im Kopf. Dass diese paradiesische Kulisse auch ganz andere Seiten aufziehen kann, mussten wir gleich zu Beginn unseres neuen Törns am eigenen Leib erfahren. Unser Weg führte uns von der geschichtsträchtigen Insel Ithaka hinunter bis an die wilde Westküste von Zakynthos. Dazwischen lagen schlaflose Nächte, unerwartete Planänderungen, die uns das größte Glück bescherten, und geschichtsträchtige Buchten, die wir ganz für uns allein hatten.

Wenn das Paradies die Zähne zeigt: Nächte der Fallböen in Vathy

Wir lagen im Hafen von Vathy, der wunderschönen und eigentlich tief eingeschnittenen Hauptstadt der Insel Ithaka. Wer hier einläuft, wiegt sich meist in absoluter Sicherheit. Die Bucht gleicht einem geschützten See. Doch das Wetter im Ionischen Meer hat seine eigenen Gesetze.

An zwei Abenden hintereinander erlebten wir hier das Phänomen der sogenannten Fallböen. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet, kühlt sich die Luft über den steilen, kahlen Hängen Ithakas rasant ab. Da kalte Luft schwerer ist als warme, sackt sie wie eine unsichtbare Lawine die Berghänge hinab und schießt mit brutaler Wucht ins Tal. Aus dem Nichts peitschten plötzlich über 30 Knoten Wind durch das Hafenbecken. Die Ventus schaukelte heftig im Abendlicht, die Masten pfiffen, und der Blick wanderte ununterbrochen zum GPS-Plotter: Hält der Anker? Er hielt. Bombenfest. Ein echter Nervenkitzel, der uns wieder einmal zeigte, wie wichtig gutes Material und Vertrauen in das eigene Geschirr sind.

Auf dem Scooter durch Ithaka: Auf den Spuren von Odysseus

Nach den unruhigen Nächten zog es uns an Land. Am nächsten Vormittag tauschten wir das schwankende Deck gegen zwei Räder und liehen uns einen Scooter aus, um das bergige Landesinnere von Ithaka zu erkunden. Der Fahrtwind im Gesicht und die Freiheit auf der Straße waren nach den Sturmböen die perfekte Abwechslung.

Unser erstes Ziel war Stavros im rauen Norden der Insel. Für Geschichtsbegeisterte ist dieser Ort ein absolutes Muss. Hier befinden sich die archäologischen Ausgrabungen der „Schule des Homer“. Viele namhafte Historiker vermuten genau auf diesem Hügel den legendären Palast des Odysseus. Wenn man zwischen den Jahrtausende alten Steinen steht und auf das Meer blickt, spürt man förmlich den Atem der griechischen Mythologie.

Weiter ging die Fahrt über Serpentinen hinauf nach Exogi. Dieses winzige Bergdorf klebt wie ein Adlernest an den steilen Klippen. Der Aufstieg wird mit einer fantastischen Aussicht belohnt: Der Blick schweift über die gesamte Bucht, die grünen Hänge Ithakas und das endlose, tiefe Blau des Ionischen Meeres.

Aufbruch nach Süden & Die geheimnisvolle Bucht von Antri

Zurück im Hafenort Vathy ließen wir den Nachmittag entspannt ausklingen. Bei einem kühlen Getränk verarbeiteten wir die wunderschöne Landschaft und den Fahrspaß mit dem Scooter. Am nächsten Morgen hieß es dann aber wieder: Anker auf! Gemeinsam mit einer kleinen Flotte anderer Yachten lichteten wir den Anker und setzten die Reise weiter südwärts entlang der Küste fort.

Unser Ziel für die nächsten zwei Tage war die abgelegene Bucht von Antri ganz im Süden Ithakas. Da die Bucht schmal ist, reichte der Anker allein nicht aus. Wir fuhren das Manöver wie die Profis: Anker fallen lassen, rückwärts an die Felsen herandampfen und das Heck zusätzlich mit zwei langen Landleinen an den Steinen sichern.

Diese Bucht versprüht eine ganz besondere, fast mystische Magie. Die Legende besagt nämlich, dass genau hier Telemachos, der Sohn von Odysseus, heimlich an Land ging. Er befand sich auf der Flucht vor den hinterlistigen Freiern seiner Mutter Penelope, die ihm nach dem Leben trachteten. In den Höhlen und Wäldern rund um Antri soll er sich versteckt gehalten haben, bis sein Vater endlich von seiner epischen Odyssee heimkehrte. Zwei Tage lang genossen wir dieses geschichtsträchtige, glasklare Wasser, nutzten die Zeit für Sport an Deck und im Wasser und perfektes Relaxen.

Wenn Pläne scheitern: Das Bojen-Erlebnis in Agios Nikolaos

Nach zwei Tagen Ruhe zog es uns weiter. Wir segelten entlang der Ostküste von Kefalonia und setzten schließlich bei ruhiger See nach Zakynthos über. Unser Plan: Im Norden direkt bei den berühmten Blauen Grotten den Anker werfen.

Dort angekommen, traf uns jedoch der Schlag: Massentourismus pur. Dutzende Ausflugsboote drängten sich in die Höhleneingänge, das Wasser war unruhig und aufgewühlt. Zu allem Überfluss wollte unser Anker auf dem tiefen, felsigen Grund einfach keinen Halt finden. Nach drei vergeblichen Ankerversuchen und sichtlich genervt trafen wir eine spontane Entscheidung: Weiterfahren nach Agios Nikolaos.

Ein absoluter Glücksfall, wie sich herausstellen sollte! Über die App Navily hatten wir dort von Festmachbojen gelesen. Der Service vor Ort war grandios: Die Betreiber kamen uns mit dem Boot entgegen und halfen uns sofort beim Festmachen. An Land konnten wir in aller Schnelle eine Runde Wäsche waschen und den Tag bei unglaublich leckerem, traditionellem Essen in einer gemütlichen Taverne direkt am Wasser ausklingen lassen. Manchmal sind die verpatzten Pläne im Seglerleben eben die allerbesten.

Magischer Sonnenaufgang an den Blauen Grotten

Der frühe Vogel fängt das schönste Licht, dieses Sprichwort war noch nie so wahr wie an diesem Morgen. Pünktlich zum Sonnenaufgang warfen wir die Leinen los und steuerten noch einmal nordwärts zu den Blauen Grotten.

Was für ein Kontrast zum Vortag! Keine Touristenboote, kein Lärm. Als die Sonne langsam über den Horizont stieg, geschah das Wunder: Die weißen Kalksteinhöhlen leuchteten durch die tief stehende Sonne nicht blau, sondern in den warmen, faszinierendsten Orange- und Goldtönen. Nur ein paar einheimische Fischer zogen schweigend an uns vorbei. Es war ein fast schon heiliger Moment der Stille, den wir so schnell nicht vergessen werden.

Die wilde Westküste & Die Schmugglerbucht (Navagio) im Morgengrauen

Nach diesem visuellen Highlight rundeten wir das Nordkap und folgten der Westküste von Zakynthos Richtung Süden. Vor uns baute sich eine beeindruckende, gigantische Landschaft aus strahlend weißem Kalkstein auf. Da der Wind sich nicht einstellen wollte, glitten wir unter Motor durch das Wasser, während wir das monumentale Panorama genossen.

Wenig später erreichten wir das absolute Highlight der Insel: Die weltberühmte Schmugglerbucht Navagio. Wer die klassischen Postkartenmotive kennt, weiß, dass das Wasser hier normalerweise in einem surrealen Neonblau leuchtet. Da wir jedoch so früh am Morgen da waren, stand die Sonne noch zu tief, um über die gigantischen, senkrechten Felswände zu scheinen. Die Bucht lag noch im Schatten.

Doch der unbezahlbare Vorteil: Wir waren komplett allein. Kein einziges Ausflugsboot weit und breit. In aller Stille konnten wir das rostige Wrack der MV Panagiotis bestaunen, das hier 1980 bei stürmischer See und auf der Flucht vor der Küstenwache mit einer illegalen Ladung Zigaretten strandete. Ein monumentaler, fast schon gespenstischer Anblick in der morgendlichen Einsamkeit.

Ein Badestopp mit Ziegen und ein gefiederter blinder Passagier

Wir setzten unsere Fahrt entlang der Westküste fort, die uns landschaftlich mit jeder Seemeile mehr begeisterte. In einer tiefen, von hohen Felswänden geschützten Bucht legten wir einen ausgiebigen Badestopp ein. Die Wände um uns herum waren so steil, dass man kaum glauben konnte, wer dort lebte: Wenn man im Wasser trieb und ganz leise war, hörte man das laute Blöken von Wildziegen, die todesmutig in schwindelerregender Höhe durch die Klippen kletterten.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, setzte der Wind wieder ein. Perfekt! Wir zogen die Badeleiter hoch, rollten die Segel aus. Mit Kurs auf das südliche Ende von Zakynthos glitten wir lautlos durch die Wellen, um uns dort einen geschützten Ankerplatz für die Nacht zu suchen.

Ganz allein waren wir dabei übrigens nicht: Eine Heuschrecke hatte sich kurz zuvor auf unserem Deck niedergelassen. Als treuer blinder Passagier genoss er den Schatten unter unserem Bimini und reiste ganz entspannt ein Stück des Weges mit uns mit. Ein perfekter Abschluss für einen unvergesslichen Tag.

Zakynthos ohne Touristen! Unser Abenteuer von Ithaka zur Schmugglerbucht

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