08. Oktober 2026
Der Slalom von Vieste und die Entscheidung von Vasto
Unsere Reise beginnt in den frühen, noch völlig schwarzen Morgenstunden im apulischen Vieste. Die Leinen sind los, doch an Entspannung ist nicht zu denken. Die italienische Küste ist in diesem Bereich übersät mit Fischernetzen. Für uns bedeutet das: Volle Konzentration. Einer von uns steht ununterbrochen am Bug, den Scheinwerfer fest in der Hand, und tastet das dunkle Wasser nach den tückischen kleinen Fähnchen und Bojen ab. Ein Netz in der Schraube ist das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können.
Mit den ersten Sonnenstrahlen entspannt sich die Lage. Es wird hell, der Wind frischt auf und wir können endlich die Segel setzen. Die Ventus springt an und macht richtig Fahrt in Richtung Vasto. Mittags zaubern wir aus den Vorräten einen schnellen Reste-Auflauf in der Pantry, echte, ehrliche Seglerküche.
Doch am Nachmittag, kurz vor Vasto, erreicht uns die Ernüchterung: Der Hafen hat keinen freien Platz für uns. Und einfach davor den Anker werfen? Aufgrund der unzähligen Fischernetze am Meeresgrund viel zu gefährlich. Wir müssen eine wichtige Entscheidung treffen und stecken die Route radikal neu: Kurs auf Ancona. Das bedeutet: Wir segeln durch die Nacht.
„Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn die Dunkelheit sich langsam anschleicht und das Land am Horizont verschwindet.“
Wir teilen uns in Schichten auf. Ich übernehme den Anfang bis 22:00 Uhr. Die Nacht ist schwarz und die See wirkt riesig, doch zum Glück meint es der Wettergott gut mit uns: Der fast volle Mond schiebt sich am Himmel empor und taucht die Adria in ein beruhigendes, silbernes Licht. Um 22:00 Uhr übernimmt Fabian bis um 02:00 Uhr morgens, bevor wir uns um 05:00 Uhr für den Endspurt noch einmal abwechseln. Den Kurs haben wir extra weit nach draußen verlegt, um den Küstenfischern und ihren Netzen zu entgehen. Gegen Mittag erreichen wir erschöpft Ancona. Das Boot liegt sicher, die Schotts sind dicht, wir gehen erst einmal tief und fest schlafen.
Zwischen Muschelfarmen und dem „wahren“ Rimini
Am nächsten Morgen brechen wir ausgeschlafen auf. Entlang der Küste zeigt sich die Adria von ihrer wirtschaftlichen Seite: Kilometerweit sind hier riesige Muschelfarmen im Meer ausgesteckt. Diese Aquakulturen nutzen das nährstoffreiche Wasser der oberen Adria. An langen Leinen, die an Bojenketten hängen, wachsen hier tonnenweise Miesmuscheln (Cozze) und Venusmuscheln (Vongole) heran. Für uns Skipper sind sie allerdings ein riesiges Hindernis, das großräumig umschifft werden will.
Am frühen Nachmittag laufen wir schließlich in Rimini ein. Nach den langen Stunden auf See zieht es uns als Erstes in eine Strandbar für das obligatorische Anlegebier. Doch Rimini hat weitaus mehr zu bieten als den berühmt-berüchtigten Partystrand:
In der historischen Altstadt spazieren wir über die Ponte di Tiberio, eine römische Steinbrücke, die seit über 2000 Jahren Wind, Wetter und dem Verkehr trotzt. Gleich dahinter liegt das malerische, alte Fischerviertel Borgo San Giuliano mit seinen bunten Häusern. Auch der Tempio Malatestiano, eine unvollendete, prachtvolle Kathedrale aus der Renaissance, zieht uns in seinen Bann. Rimini hat uns positiv überrascht!
Die hölzernen Riesen der Lagune und das authentische Chioggia
Nach einem entspannten Frühstück führt uns der Weg weiter über Ravenna, wo wir einen gemütlichen Abend verbringen, bevor es noch vor Sonnenaufgang auf den nächsten großen Schlag geht: Rund 70 Seemeilen liegen vor uns bis nach Chioggia.
Bei der Einfahrt in die Lagune von Venedig trauen wir unseren Augen kaum. Wie an so vielen Abschnitten dieser Küste ragen auch hier die imposanten Trabuccisaus dem Wasser. Diese riesigen, spinnenartigen Holzkonstruktionen mit ihren langen Antennen sind historische Fischfangmaschinen. Früher ließen die Fischer von diesen Plattformen aus riesige Netze ins Meer ab, um nicht mit Booten auf die gefährliche offene See fahren zu müssen. Heute sind sie faszinierende, geschützte Kulturdenkmäler direkt an der Wasserkante.
In Chioggia angekommen, ergattern wir einen Traum-Liegeplatz mit direktem Blick auf die geschichtsträchtige Altstadt. Am nächsten Tag nehmen wir uns Zeit, die Stadt zu erkunden. Chioggia wird oft als „Klein-Venedig“ bezeichnet, da sie genau wie die berühmte Nachbarin auf Holzpfählen erbaut und von Kanälen wie dem tiefen Canal Vena durchzogen ist.
Doch Chioggia ist anders: Sie ist laut, bodenständig und echt. Als einer der größten Fischereihäfen Italiens pulsiert hier auf dem Fischmarkt noch das wahre Leben. Ein kleiner Running-Geweck an der Piazza Vigo: Der venezianische Markuslöwe auf der großen Säule ist hier so klein geraten, dass die Einheimischen ihn spöttisch „El Gato“ (den Kater) nennen.
Kurs Ost: Delfine zum Abschied und Koper im Visier
Mit dem nächsten Sonnenaufgang lassen wir die Lagune hinter uns und steuern die Ventus gen Osten, quer über die nördliche Adria. Als wir die kroatischen Gewässer erreichen, hissen wir traditionsgemäß die Gastlandflagge und machen am Abend an einer Boje im Hafenbecken von Umag fest.
Der nächste Tag steht im Zeichen der Arbeit. Die Wasserlinie muss gründlich von Algen gereinigt werden. Da sich das Boot an der Boje perfekt in den Wind dreht, nutzen wir die Gunst der Stunde, schlagen die Segel ab und verstauen sie sauber unter Deck. Am Nachmittag bleibt noch Zeit für einen letzten Landgang in Umag.
Für die allerletzten 15 Seemeilen unserer Reise müssen wir den Motor starten. Die Adria ist ruhig und da kaum Seegang herrscht, arbeiten wir die To-do-Liste weiter ab und bauen das Bimini-Top ab. Und genau in diesem Moment, als wehmütige Stimmung aufkommt, schenkt uns das Meer einen magischen Abschluss: Eine Schule von Delfinen taucht auf und zieht elegant direkt vor unserem Bug durch das Wasser. Ein Moment, der uns eine Gänsehaut verpasst.
Wir laufen in die slowenischen Gewässer ein, passieren das wunderschöne Piran und dann liegt Koper vor uns – genau der Hafen, an dem im Frühjahr dieses Jahres unser großes Abenteuer begonnen hat. Der Kreis schließt sich.
Das ehrliche Fazit: Warum auch Urlaub anstrengend ist
Zurück im Hafen von Koper wartet die Arbeit des Abriggens auf uns. Der Mast wird per Kran gezogen, der Geräteträger gelegt. Jetzt liegt die Ventus still an ihrem Platz und wartet auf das Datum unserer Heimreise.
Hinter uns liegen 2050 Seemeilen. Wir blicken zurück auf eine außergewöhnliche Reise voller neuer Erfahrungen, unvergesslicher Momente, voller Höhen und auch Tiefen. Aber wir haben auf diesem Törn auch eine wichtige, ehrliche Erkenntnis gewonnen: Immer nur Urlaub und das Leben auf Langfahrt können verdammt anstrengend sein.
Die drückende Sommerhitze, die permanente Enge an Bord, das ständige Funktionieren-Müssen bei Wind und Wetter und – was wir am meisten unterschätzt haben – die fehlenden sozialen Kontakte zu Familie und Freunden. So sehr wir die Freiheit auf dem Wasser geliebt haben, so sehr freuen wir uns jetzt wieder auf Zuhause. Die Reise ist vorbei, die Erinnerungen bleiben für immer.

